In Zimmer 4 ist Schmuck verschwunden. Oberschwester Michaela Linsen schickt Vanessa auf die Suche nach Agnes, da sie zu letzt in der 4 war. Hat Agnes etwas mit dem verschwundenen Schmuck zu tun?'
'Vanessa fielen sofort die auffälligen, mit Edelsteinen besetzten Kreolen ein, die Madeleine Kernacker bei ihrer ersten Begegnung trug. Sie schienen fiel zu schwer für ihre Ohrläppchen zu sein, sie machten aus den Ohrlöchern zentimeterlange Schlitze. Aber warum sollte gerade Agnes ...? Andererseits wusste jeder, dass Agnes unter chronischer Geldknappheit litt. Doch das war, so fand Vanessa, nicht genug, um Agnes zu verdächtigen. "Ja und was hat das mit uns zu tun, wenn die alte Dame nicht weiß, wo sie ihren Schmuck liegen lässt?", rief Vanessa der davoneilenden Oberschwester nach. "Nun, wir sollten sehen, dass wir den Schmuck so schnell wie möglich wiederfinden, sonst erstattet Frau Kernacker wahrscheinlich Anzeige und wir haben die Polizei im Haus!", rief diese, ohne sich umzudrehen. Dann stoppte sie abrupt und drehte sich noch einmal um: "Vanessa bringen Sie mir Agnes!" "Na super", dachte Vanessa, eigentlich wollte sie gerade Feierabend machen. Vanessa fand Agnes in bester Laune mit Natalia lästernd vor ihren Spinden stehend. "Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Klunker die Alte hat", sagte Agnes gerade, als Vanessa dazutrat. "Hi Agnes, apropos Klunker, die Linsen will dich noch mal sprechen. In der 4 ist Schmuck verschwunden! Vielleicht kannst du ja zur Aufklärung beitragen", unterbrach Vanessa die beiden einfach. "Was!?" sagte Natalia eine Oktave höher als gewöhnlich und mit leuchtenden Augen, wie Vanessa überrascht feststellte. Agnes dagegen war still, zu still für die üblicherweise ohne Unterlass schnatternde Agnes, die Vanessa kannte, und ihre Wangen wurden von einer hektischen Röte überzogen. Vanessa war noch überraschter. Das hatte sie nicht erwartet. Sie sah Furcht in Agnes’ Augen. Hatte die Schwester doch etwas mit dem Schmuckdiebstahl zu tun? Auch Natalia bemerkte Agnes Reaktion. Sie legte eine Hand auf Agnes Schulter: "Agnes, niemand verdächtigt dich. Es geht wahrscheinlich nur um eine Befragung." Natalia schaffte es tatsächlich, jegliche freudige Erregung in ihrer Stimme zum Verstummen zu bringen. "Hut ab", dachte Vanessa, "das muss wohl an der verschlossenen russischen Seele liegen, die nur guter Wodka öffnen kann." "Ihr habt ja keine Ahnung! Nur weil ich aus Polen komme, denkt jeder, ich wäre es gewesen!", sagte Agnes. "Das ist doch Quatsch", antwortete Vanessa (Im Stillen dachte sie weiter " …, weil ihr unsere Autos klaut") "Der Grund, warum Sie mit dir sprechen will, ist, weil du zuletzt in Zimmer 4 warst!" "Und, weil ich wegen Diebstahls vorbestraft bin", sagte Agnes. Vanessa hätte sich in diesem Moment gerne weggebeamt. Schmuck war verschwunden und sie hatte eine ehemalige Diebin gefunden. Eigentlich hätte die Sache damit erledigt sein können. Aber nein, die mögliche aktuelle Diebin war ihre Kollegin und damit unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils oder … bis zum Rauschmiss? Was sie moralisch genau von sich erwartet, das müsste Vanessa noch für sich klären. Jetzt war es erstmal angebracht, etwas Tröstliches zu Agnes zu sagen. Aber was nur? Vanessas Gehirnzellen waren vielmehr damit beschäftigt, Agnes zu mustern und nach Schuldbeweisen zu suchen. Hatte sie denn kein Fünkchen Mitgefühl in ihren Zellen? Gerade jetzt erinnerte sie sich an einen Vorfall aus der dritten Klasse. Ihre damalige beste Freundin Iwona hatte zu Hause die tollsten Radiergummi und bunten Glitzerstifte. Komisch war nur, dass immer jemand aus der Klasse über das Verschwinden eines solchen Gegenstandes jammerte. Gott sei Dank brach Natalia das betretene Schweigen: "Agnes hast du den Schmuck genommen?" Vanessas rührte sich nicht und gab auch keinen Mucks von sich. "Nein, hab’ ich nicht! Aber was nützt das, wenn jeder denkt, ich war’s!", rief Agnes aufgebracht. "Agnes, dann gib’ mir jetzt den Schlüssel von deinem Spind!", forderte Natalia. "Was, ich dachte du bist meine Freundin?!", antwortete Agnes entrüstet. "Genau das bin ich! Damit zeigst du doch, dass du nichts zu verbergen hast", konterte Natalia. "Schlauer Schachzug von ihr", fand Vanessa. Vanessa kam eine andere Idee. "Wir können den Spind ja mal öffnen …" Fast hätte sie noch gesagt: "und sehen was drin in!" Sie konnte den Satz aber noch ändern in "und sehen, dass an den Vorwürfen nichts dran ist!" "Sollten wir nicht auf die Polizei warten?" fragte Natalia. Agnes hektische Röte wandelte sich in kalkweiße Blässe. "Nein, das will die Linsen ja gerade vermeiden.", sagte Vanessa. Natalia legte ihre Stirn in Falten und rieb mit der rechten Hand ihr Kinn. "Gut, wir haben zwei Zeugen und die Verdächtige. Ich denke, wir könnten ihn öffnen. Agnes, bist du einverstanden?" Agnes antwortete nicht, reichte aber Natalia den Spindschlüssel. Natalia nahm den Schlüssel und öffnete den Spind. Vanessa versuchte über Natalias Schulter zu sehen, konnte aber nichts erkennen, weil der Innenraum des Spinds im Schatten von Natalia lag. "Natalia, wenn ich auch ein Zeuge sein soll, dann musst du mich auch etwas sehen lassen!" - Natalia trat zur Seite. Vanessa holte tief Luft: Im Spind lag ein Paar glitzernder Kreolen.
Donnerstag, 8. April 2010
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