"Beautyklinik ich komme!", dachte Vanessa beim Klingeln des Weckers. Sie öffnete die Augen und suchte mit der Hand auf dem Nachttischchen nach ihrer Brille.
"Wo ist sie nur?", sie kniff die Augen zusammen und versuchte die Umrisse ihrer Umgebung zu deuten. Ein schwarzer Körper, ungefähr von der Größe eines kleinen Staubsaugers näherte sich. Inzwischen hatte er so zottelige Ausmaße angenommen, dass auch sechs Dioptrien nicht ausreichten um Butschi, den Kater ihrer Nachbarin, die sich im Liebesurlaub auf den Seychellen befand, zu übersehen. Butschi sprang mit einem "Mau" aufs Bett. "Butschi verschwinde! Was ist, wenn ein Patient eine Katzenallergie hat?" Butschi kringelte sich auf ihren Bauch. "Blöder Perserteppich", sie schlug die Bettdecke zurück und suchte sich ihren Weg ins Bad. In der Dusche roch es nach Katzenpipi. Butschi nahm elegant auf dem Klodeckel Platz und schaute unschuldig drein. "Ich werde dich nach China verschiffen. Dort machen sie einen schönen, flauschigen Kragen für eine 10-Euro-Jacke aus dir". Der Kater leckte seine Pfote "Oder ich bringe dir heute Abend einen Katheter mit." Butschi hielt inne und sah sie an. "Wusste ich doch, dass du mich verstehst."
Vanessa kämmte sich noch schnell ihre langen, braunen Haare und begutachtete ihr Outfit. Das enge Designerkostüm betonte ihre weiblichen Rundungen. Seit drei Monaten trug sie Körbchengröße C. Damit war ihr Äußeres erstmal perfekt und sie fühlte sich der Arbeit in der Schönheitschirurgie gewachsen. "Das Leben kann beginnen", dachte Vanessa, warf ihrem Spiegelbild einen Luftkuss zu, drehte sich schwungvoll auf dem Absatz zur Wohnungstür und "Halt, stopp!" Sie sah noch einmal in den Spiegel. "Das kann... doch nicht wahr sein!" Die Iris ihrer Augen war feuerrot. Diese blöden Linsen, verpackt sehen sie alle gleich aus. Sie kramte hektisch in Ihrem Badezimmerschränkchen und fand eine Packung neuer Kontaktlinsen. Sie las "Spiral Schwarz." Sie schmiss sie wieder in den Schrank zurück. Es war zwanzig nach sieben. Um acht begann ihre erste Schicht. Sie musste los, wenn sie nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen wollte.
"Wie heißen Sie?", fragte die Dame am Empfang.
"Vanessa Vespa."
"Und Sie haben einen Termin beim Professor?"
"Oh, nein. Ich bin keine Patientin. Heute ist mein erster Arbeitstag als OP-Schwester. Ich sollte mich am Empfang melden, sie wüssten dann schon, wo hin mit mir…"
Die Dame am Empfang, Frau Schimmel las Vanessa auf ihrem Brustanstecker, musterte sie und verweilte verwundert bei ihren Augen.
"Oh ja, ich weiß, meine Augen, ein schreckliches Malheur, bei mir wohnt im Moment ein Kater, und sie glauben es sicher nicht, der hat alle meine Kontaktlinsen aufgefressen, außer diese und meine Brille versteckt." Frau Schimmel hatte sich weggedreht, den Hörer des Telefons in die Hand genommen und gewählt. "Außerdem pinkelt er in meine Dusche und versteht jedes Wort", flüsterte Vanessa noch.
"Station 2 B, melden Sie sich bei Schwester Linsen, zweiter Stock, rechte Seite."
Frau Schimmel widmete sich ihrer Arbeit, ohne Vanessa noch einmal anzusehen.
Sie ging zum Fahrstuhl und wartete. Die Eingangshalle war beeindruckend, fand Vanessa. Die Decke war hoch und verglast. Die Böden und Wände waren mit Marmorplatten gefliest, jedenfalls hielt Vanessa es für Marmor. In der Mitte der Halle stand ein gut gebauter Mann aus Stein. "So einer, wie man ihn in einer Urlaubswerbung für Griechenland sieht", dachte sie.
Sie schaute noch einmal zu Frau Schimmel, die jetzt laut lachte. Sie telefonierte angeregt.
Der Fahrstuhl kam. Vanessa ging hinein. Es wehten noch die Worte "rote" und "Katze" zu ihr herüber. Dann schloss sich die Tür.
Fortsetzung folgt