Die Suche nach dem Schmuck-Dieb nähert sich dem Ende. Doch auf Vanessa wartet schon die nächste Überraschung!
Vanessa brachte Agnes zu Oberschwester Linsen. In der einen Hand hielt sie das Diebesgut fest umklammert, mit der anderen zog sie Agnes am Arm hinter sich her. Oberschwester Linsen saß an ihrem Schreibtisch. Vanessa legte die Ohrringe schwungvoll auf den Tisch: "Bitte schön!", sagte sie dabei triumphierend. Regina Linsen zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe: "Was ist das, Vanessa?" "Die verschwundenen Ohrringe!" klärte Vanessa Oberschwester Linsen auf. Die öffnete die oberste Schreibtischschublade. "Und was ist dann das?", fragte sie und blickte verwirrt zwischen Vanessa, Agnes und der Lade hin und her: In der Schublade lag ein Paar funkelnder Kreolen. Vanessa erkannte sofort, dass dies die gesuchten Schmuckstücke waren. Der Chefarzt der Beauty-Klinik, Dirk Schraubstock, hatte vor dem Bett seiner Exfrau gestanden und war in Gedanken auf der Suche nach ihren verschwundenen Ohrringen. Es schien, als würde sich die Suche ihrem Ende nähern. Er betrachtete, immer noch lächelnd, den goldfarbenen Kettenanhänger auf Madeleine Kernackers Brust, der sich im Rhythmus ihres Atems hob und senkte. Der ovale Anhänger war etwa einen Daumen lang. Er war mit hinduistischen Motiven verziert und in der Mitte befand sich ein Sodalith, ein blauer Edelstein, der von Kalkadern durchzogen war. Er soll Freude zurückbringen und ein schweres Herz erleichtern können, sagt man ihm nach. Dirk Schraubstocks Lächeln bekam einen bitteren Zug. Madeleine hatte sich den Anhänger während ihrer Indienreise anfertigen lassen, kurz nach dem Tod ihrer gemeinsamen Töchter. Im Anhänger befand sich ein Foto der beiden Mädchen: Anni und Sophie, lachend, Arm im Arm auf einer Geburtstagsparty. Er wusste, wenn er Madeleine nicht aufhalten würde, würde sie ihn zerstören, so, wie sie alles zerstörte, seit ihrer beider Kinder Tod. "Trägst du immer noch das Foto bei dir?!" "Ja, nicht jedem fällt das Vergessen so leicht wie dir!" In seinem Magen öffnete ein reißender Wolf seinen Rachen. Er spürte das Echo eines Schmerzes, verursacht von der Narbe, die einmal ein großes Magengeschwür gewesen war. Die Arterien an seinen Händen schwollen an. Sein Lächeln erlosch wie ein Feuer, über das gerade ein Eimer Wasser gegossen wurde. "Nun, jetzt würde ich mich gerne erinnern." Er streckte die Hand nach dem Anhänger aus. Vanessa bemerkte, dass sie Agnes noch immer am Arm festhielt. Abrupt ließ sie die Kollegin los – ihre Hand fiel wie eine reife Frucht von Agnes Arm. Sie wusste, dass jetzt eine Entschuldigung angebracht war, aber sie wollte Agnes nicht ansehen, denn auch wenn sie nicht in ihre Richtung blickte, spürte sie genau, was für ein überhebliches Grinsen auf Agnes Gesicht lag! Dabei war sie doch nur den Indizien gefolgt und hatte eins und eins zusammengezählt! Doch manchmal ergibt eins und eins eben drei. Warum nur immer bei ihr! "Regina, wenn alles geklärt ist, würde ich jetzt gerne Feierabend machen", sagte Agnes in die Stille des Raumes. "Klar, Agnes! Und danke, dass du noch mal bei mir reingeschaut hast", antwortete Oberschwester Linsen. "Immer wieder gerne!", bei diesen Worten sah Agnes Vanessa an, "Ach, und meine Ohrringe", Agnes griff nach den Kreolen auf dem Tisch und verließ das Zimmer. "Vanessa, du kannst jetzt auch Feierabend machen", sagte Regina Linsen und wedelte ungeduldig mit der Hand in Richtung Tür. Im Umkleideraum traf Vanessa auf Agnes. Diese stand vor einem Spiegel und steckte die Kreolen in ihre Ohrlöcher. "Na, das ist ja ein Timing", dachte Vanessa. Laut sagte sie: "Du, Agnes, das tut mir alles furchtbar leid." "Schon gut", gab Agnes seufzend zurück. Vanessa traute ihren Ohren nicht. "Oh Agnes, du glaubst ja gar nicht, wie scheußlich ich mich fühle. Mit mir …" Agnes unterbrach Vanessas Redefluss mit einem "Ooh …", dabei sah sie auf den Boden vor ihren Füßen, "… ich habe gerade etwas Cola vergossen. Muss wohl die Nervosität sein. Könntest du mir bitte einen Lappen aus dem Vorratsraum bringen?" "Aber klar!" Vanessa war so glücklich, dass Agnes ihr eine Gelegenheit gab, ihr schlechtes Gewissen abzutragen. Und einen Lappen zu holen, ist ja fast so etwas wie ein Sonderangebot in Sachen Abbitte zu leisten, fand Vanessa. Ein Schichttausch wäre da viel unangenehmer. Der Vorratsraum lag gleich hinter Vanessa. Drinnen war es dunkel. Sie knipste das Licht an und kniete sich zu dem Stapel Lappen im Regal rechts von ihr. Durch das offene Regal hindurch erblickte sie zwei ineinander verschlungene Körper, die aussahen wie ein einziger - allerdings mit zwei Köpfen, vier Armen und vier Beinen, die sich um den Doppelkörper schlangen. Am Mund schienen die beiden Köpfe zusammengewachsen zu sein. Vanessa fiel auf ihren Po. Die beiden Köpfe kannte sie!
Mittwoch, 9. Juni 2010
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